Wenn Enkel bei jeder Kleinigkeit anrufen, machen die meisten Großeltern diesen einen Fehler – und merken es nicht

Es beginnt harmlos: Ein Anruf wegen der Hausaufgaben, eine Nachricht, weil die beste Freundin sich komisch verhalten hat, eine Frage darüber, welche Jacke man anziehen soll. Einzeln betrachtet sind das kleine Momente der Verbundenheit – und ja, es ist schön, gebraucht zu werden. Doch wenn aus diesen Momenten ein Dauerzustand wird, wenn Jugendliche bei jeder Kleinigkeit zuerst zu den Großeltern laufen, bevor sie auch nur einen Moment lang selbst nachdenken, dann hat sich etwas Grundlegendes verschoben. Aus einer liebevollen Beziehung ist eine emotionale Abhängigkeit geworden – und die schadet beiden Seiten.

Was hinter der Abhängigkeit steckt – und warum sie sich so schwer erkennen lässt

Großeltern-Enkel-Beziehungen sind oft besonders eng, gerade weil sie von weniger Konflikten geprägt sind als das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Großeltern urteilen seltener, haben mehr Zeit, und ihre Zuwendung fühlt sich bedingungsloser an. Das ist ein echtes Geschenk – kann aber auch zur Falle werden, wenn Grenzen nicht gewahrt werden.

Wenn Jugendliche lernen, dass bei Oma oder Opa immer jemand da ist, der die Situation einschätzt, die Entscheidung abnimmt oder zumindest das schlechte Gefühl wegtröstet, dann hört das Gehirn auf, diese Prozesse selbst zu trainieren. Die Entwicklungspsychologie spricht hier vom sogenannten Gerüstbau – dem Gerüst, das Erwachsene für Kinder bereitstellen. Dieses Gerüst soll mit der Zeit abgebaut werden, damit das innere Gebäude stabil stehen kann. Der Entwicklungspsychologe Lew Wygotski hat dieses Prinzip in seiner Theorie der Zone der nächsten Entwicklung bereits 1978 grundlegend beschrieben. Bleibt das Gerüst dauerhaft stehen, wächst das Gebäude nicht nach.

Erschwerend kommt hinzu: Viele Großeltern erkennen das Problem nicht sofort als Problem. Sie erleben die Zuwendung der Enkel als Beweis ihrer Bedeutung. Erst wenn die Erschöpfung kommt – wenn der dritte Anruf an einem Vormittag klingelt, wenn der eigene Alltag immer mehr nach hinten rückt – wird deutlich, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Die stille Erschöpfung der Großeltern

Es gibt ein Phänomen, das in der Fachliteratur zunehmend als Großeltern-Burnout beschrieben wird. Die Forscherin Moïra Mikolajczak von der Université de Liège hat sich intensiv mit dem Thema Burnout in Betreuungsbeziehungen auseinandergesetzt – ursprünglich im Kontext von Eltern, aber auch auf Großeltern übertragbar, die dauerhaft emotionale Verantwortung tragen. Ihr 2019 in der Fachzeitschrift Clinical Psychological Science veröffentlichter Beitrag zeigt: Die ständige emotionale Verfügbarkeit zehrt an den Kräften, auch wenn von außen niemand eingreift – weil es ja „nur“ Zuhören ist, „nur“ ein kleiner Rat, „nur“ ein kurzes Gespräch.

Dabei ist gerade die emotionale Arbeit, die in diesen Gesprächen steckt, besonders anstrengend. Nicht körperlich, aber kognitiv und empathisch. Wenn ein 14-Jähriger anruft, weil er nicht weiß, ob er zur Party gehen soll, muss die Großmutter nicht nur zuhören – sie muss abwägen, steuern, Verantwortung tragen, ohne das Kind zu überfordern. Das kostet Energie, die Ältere oft nicht mehr in unbegrenztem Maße haben.

Hinzu kommt das schlechte Gewissen: Wer seine Enkel liebt, möchte nicht derjenige sein, der den Hörer auflegt oder sagt „Entscheide das selbst.“ Es fühlt sich kalt an. Dabei wäre es das Fürsorglichste, was man tun könnte.

Was Jugendliche wirklich brauchen – und was ihnen die Abhängigkeit wegnimmt

Die Adoleszenz ist, neurologisch betrachtet, die entscheidende Phase für den Aufbau von Selbstwirksamkeit. Der Psychologe Albert Bandura hat dieses Konzept in seinem 1997 erschienenen Werk umfassend beschrieben: Das Gehirn ist in dieser Lebensphase besonders formbar und lernt vor allem durch eigene Erfahrungen, nicht durch stellvertretendes Problemlösen. Wer als Jugendlicher nie die Erfahrung macht, eine schwierige Entscheidung selbst getroffen zu haben und damit umzugehen, entwickelt kein stabiles Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit.

Das klingt abstrakt, zeigt sich aber sehr konkret: Jugendliche, die stark auf externe Bestätigung angewiesen sind, haben im Erwachsenenalter häufiger Schwierigkeiten bei beruflichen Entscheidungen, in Partnerschaften oder bei alltäglichem Stressmanagement. Die Entwicklungspsychologin Susan Harter hat diese Zusammenhänge in ihrem 1999 erschienenen Werk eingehend untersucht. Die Abhängigkeit schützt kurzfristig vor Unbehagen – und verhindert langfristig Reife.

Was Großeltern konkret tun können – ohne die Beziehung zu beschädigen

Der Schlüssel liegt nicht im Rückzug, sondern in der Umlenkung. Statt Antworten zu geben, können Großeltern beginnen, Fragen zu stellen:

  • „Was denkst du denn selbst?“ – Diese einfache Gegenfrage signalisiert Respekt und lädt zur Reflexion ein, ohne abzuweisen.
  • „Was würde passieren, wenn du X entscheidest?“ – Konsequenzdenken muss geübt werden. Großeltern können dabei begleiten, ohne zu steuern.
  • „Ich glaube, du weißt das eigentlich schon.“ – Manchmal brauchen Jugendliche keine Antwort, sondern die Bestätigung, dass ihnen zugetraut wird, selbst eine zu finden.

Genauso wichtig ist die Aushandlung von Grenzen – nicht als Strafe, sondern als klare Struktur. Es ist völlig legitim, als Großelternteil zu sagen: „Für dringende Dinge bin ich immer da. Aber ich möchte, dass du bei solchen Fragen zuerst selbst eine Weile nachdenkst.“ Das ist keine Ablehnung. Es ist Erziehung – auch wenn man nicht die Elternrolle innehat.

Die Eltern ins Boot holen

Ein oft übersehener Aspekt: Die beschriebene Dynamik entsteht selten im Vakuum. Häufig gibt es einen Grund, warum Jugendliche die Großeltern als erste Anlaufstelle wählen – vielleicht weil die Kommunikation mit den Eltern schwierig ist, vielleicht weil zu Hause wenig Raum für Unsicherheiten besteht. Großeltern, die das bemerken, tragen Verantwortung: nicht dafür, das Problem zu lösen, aber dafür, es nicht dauerhaft zu verwalten.

Ein offenes Gespräch mit den Eltern – ohne Vorwürfe, aber mit klarer Benennung der Beobachtung – kann helfen, die Dynamik auf eine breitere Basis zu stellen. Wenn alle Erwachsenen im Umfeld des Jugendlichen eine gemeinsame Haltung entwickeln, fällt es Teenagern leichter, Eigenverantwortung zu internalisieren.

Die schönste Großeltern-Enkel-Beziehung ist die, die dem Jugendlichen hilft, irgendwann weniger auf sie angewiesen zu sein – weil er gelernt hat, sich selbst zu vertrauen. Das ist kein Verlust. Das ist das eigentliche Geschenk.

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