Wenn ein Enkel oder eine Enkelin still leidet, spürt man das als Großmutter oft lange bevor die Worte dafür gefunden werden. Dieses leise Wissen, das sich zwischen Sorge und Hilflosigkeit bewegt, ist schwerer zu tragen als viele ahnen. Und genau hier liegt die größte Stärke, die Großeltern in solchen Momenten einsetzen können – die Fähigkeit, einfach da zu sein, ohne sofort lösen zu wollen. Geringes Selbstwertgefühl bei jungen Erwachsenen zeigt sich oft nicht in dramatischen Momenten, sondern in einem schleichenden Rückzug, den man erst bemerkt, wenn die Distanz schon gewachsen ist.
Was steckt wirklich hinter einem geringen Selbstwertgefühl bei jungen Erwachsenen?
Bevor man handelt, lohnt ein ehrlicher Blick auf das, was sich im Inneren eines jungen Menschen abspielt. Geringes Selbstwertgefühl bei jungen Erwachsenen – also in der Altersgruppe zwischen 18 und etwa 30 Jahren – ist selten auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Es handelt sich häufig um ein Zusammenspiel aus frühkindlichen Erfahrungen, sozialen Vergleichen durch soziale Medien, Leistungsdruck und unverarbeiteten Verlusterlebnissen. Diese Mechanismen sind in der psychologischen Forschung gut dokumentiert und zeigen, wie komplex die innere Welt junger Menschen heute ist.
Was Großeltern oft als Rückzug oder Desinteresse erleben, ist in Wirklichkeit häufig ein Schutzmechanismus: Der Enkel oder die Enkelin vermeidet Situationen, in denen das Gefühl der Unzulänglichkeit besonders schmerzhaft spürbar wird. Das bedeutet nicht, dass die Zuneigung der Großmutter nicht ankommt – sie trifft nur auf eine Mauer, die der junge Mensch selbst errichtet hat, ohne es vollständig zu kontrollieren. Diese emotionale Distanz ist keine Ablehnung, sondern ein Versuch, sich selbst zu schützen.
Der feine Unterschied zwischen Unterstützung und Druck
Hier liegt eine der größten Fallen, in die liebevolle Großeltern tappen können: Der gut gemeinte Satz „Du schaffst das doch, du bist so klug und talentiert!“ kann sich für jemanden mit geringem Selbstwertgefühl wie purer Widerspruch anfühlen – oder schlimmer noch, wie eine versteckte Erwartung, die er oder sie ohnehin nicht erfüllen kann.
Aufwertende Aussagen aktivieren bei Menschen mit tief verwurzeltem negativem Selbstbild paradoxerweise Widerstand statt Erleichterung. Die Forschung hat gezeigt, dass positive Affirmationen nur denjenigen halfen, die ohnehin ein gesundes Selbstbild hatten – bei niedrigem Selbstwertgefühl verschlimmerten sie das Gefühl der Diskrepanz zwischen dem gelobten Bild und der erlebten Realität. Das klingt zunächst kontraintuitiv, erklärt aber, warum manche gut gemeinten Worte ins Leere laufen oder sogar verletzen.
Was also tun, wenn die üblichen Werkzeuge nicht greifen?
Zuhören ohne Agenda – wie das in der Praxis aussieht
Der wertvollste Beitrag, den eine Großmutter leisten kann, ist oft kein Ratschlag und keine aufmunternde Phrase, sondern echte, ungeteilte Aufmerksamkeit. Nicht das Zuhören, das auf eine Antwort wartet – sondern das Zuhören, das einfach aufnimmt, ohne zu bewerten oder zu korrigieren.
Konkret bedeutet das:
- Gemeinsame Zeit schaffen, ohne sie mit Erwartungen zu beladen. Ein Spaziergang, gemeinsames Kochen, ein alter Familienfilm – Aktivitäten, bei denen Gespräche entstehen können, aber nicht müssen. Der Enkel oder die Enkelin soll spüren, dass die Großmutter auch dann gerne dabei ist, wenn nichts geleistet oder erklärt werden muss.
- Offene Fragen stellen, die kein Richtig oder Falsch kennen. Nicht: „Warum bist du so unzufrieden mit dir?“ Sondern: „Was beschäftigt dich gerade am meisten?“ Oder noch direkter: „Was hättest du gerne, dass ich besser verstehe?“
- Eigene Verletzlichkeit zeigen. Großeltern haben Lebensgeschichten voller Scheitern, Zweifeln und Neubeginn. Wenn eine Großmutter von eigenen Momenten erzählt, in denen sie sich klein oder unfähig gefühlt hat – und wie diese Momente vergingen oder sich verwandelten – öffnet das einen Raum, der keine Lektion ist, sondern eine Einladung.
Diese Form der emotionalen Präsenz schafft Verbindung, ohne zu überfordern. Sie signalisiert: Du musst nicht perfekt sein, um hier willkommen zu sein.

Wann ist professionelle Hilfe das Richtigste?
Es gibt einen Punkt, an dem auch die liebevollste Großmutter an ihre Grenzen stößt – und das ist keine Niederlage, sondern ein Zeichen von Weitsicht. Wenn das geringe Selbstwertgefühl des Enkels oder der Enkelin mit deutlichen Anzeichen von Depression, sozialem Rückzug über längere Zeiträume, selbstverletzendem Verhalten oder dem Ausdruck von Hoffnungslosigkeit einhergeht, sollte psychologische Begleitung aktiv angesprochen werden.
Das Thema Psychotherapie sollte nicht als letzter Ausweg, sondern als normale Form der Selbstfürsorge behandelt werden – eine Haltung, die sich in der modernen psychologischen Versorgung zunehmend durchsetzt. Als Großmutter kann man diesen Schritt dadurch erleichtern, indem man das Stigma aus dem Gespräch nimmt: „Ich kenne Menschen, denen Gespräche mit einer Fachperson wirklich geholfen haben – nicht weil sie schwach waren, sondern weil sie sich selbst ernst genommen haben.“
Manchmal ist es die klügste Form der Fürsorge, nicht alles selbst lösen zu wollen, sondern den Weg zu jemandem zu ebnen, der das nötige Werkzeug hat.
Die Rolle der Großmutter neu denken
In vielen Familien sind Großeltern heute weit mehr als Randakteure – sie sind oft die emotionalen Anker, die Stabilität bieten, wenn das Elternhaus gerade zu viel Erwartungsdruck ausstrahlt. Forschung belegt, dass eine enge, verlässliche Großeltern-Enkel-Beziehung nachweislich als Schutzfaktor gegen emotionale Probleme wirkt – besonders in der Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter.
Allein die Tatsache, dass eine Großmutter da ist, sich sorgt und nicht aufgibt, hat eine Wirkung – auch wenn diese nicht sofort sichtbar wird. Manchmal braucht es Monate, manchmal Jahre, bis ein junger Mensch rückblickend erkennt, dass genau diese stille, beständige Zuneigung ihm geholfen hat, sich selbst wieder zu vertrauen. Diese Form der Beziehung ist keine schnelle Lösung, sondern ein langfristiges Investment in das emotionale Wohlbefinden.
Grenzen respektieren – auch die eigenen
Hilflosigkeit ist keine Schwäche. Sie ist der ehrliche Ausdruck von jemandem, der liebt und gleichzeitig versteht, dass er oder sie nicht alles kontrollieren kann. Wenn eine Großmutter dieses Gefühl zulässt, ohne sich dafür zu verurteilen, sendet sie – auch nonverbal – eine wichtige Botschaft: Unsicherheit gehört zum Leben, und trotzdem kann man würdevoll und liebevoll damit umgehen.
Manchmal ist das die tiefste Lektion, die ein Enkel oder eine Enkelin lernen kann – nicht durch Worte, sondern durch das Vorbild eines Menschen, der trotz allem präsent bleibt. Diese Art von emotionaler Authentizität schafft eine Verbindung, die tiefer geht als jeder Ratschlag. Sie zeigt, dass man nicht perfekt sein muss, um wertvoll zu sein – eine Erkenntnis, die gerade für junge Menschen mit geringem Selbstwertgefühl lebensverändernd sein kann.
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